MINT: Wann kommt in der Soap mal eine Mama aus der Werkstatt?

Interview der Woche: Matthias Lippert sagt, warum in Lennep Physik heute kein Horrorfach mehr ist und Mathe Spaß macht. Das Interview führte Kerstin Neuser

Herr Lippert, Sie haben mit 13 weiteren Einrichtungen am Donnerstag die Verträge für "MINTeinander" in Lennep unterzeichnet. Das bedeutet das?

Lippert: Naturwissenschaftliche Bildung ist hier in Lennep abgesprochen von der Kita bis in jede weiterführende Schule hinein. Wir verfolgen in 14 Institutionen ein einheitliches, gemeinsames Konzept. Entscheidend ist, dass wir in den verschiedenen Altersstufen immer wieder neue Impulse bei den Kindern und Jugendlichen setzen, um sie für MINT-Fächer, also Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, zu interessieren. Das funktioniert nur, wenn man kontinuierlich am Ball bleibt.

Was ist denn am Lenneper Netzwerk so besonders, dass es bundesweit als Vorzeige-Modell gilt?

Lippert: Zum einen hat es hier im Stadtteil Tradition, dass sich die Schulen untereinander absprechen. Zum anderen hat uns die Stadt Remscheid den Auftrag gegeben, für mehr Durchlässigkeit zwischen den Schulformen zu sorgen. Dazu bedarf es enger Absprachen in den einzelnen Bildungsgängen. MINTeinander sehe ich daher als einen wichtigen Baustein.

Unternehmen beklagen fehlenden Nachwuchs in MINT-Berufen. Berufsorientierung ist nun eher etwas für die Älteren.

Warum haben Sie auch Kitas und Grundschulen ins Boot geholt?

Lippert: Die Grundschule ist der wichtige Dreh- und Angelpunkt. Hier, und eben auch schon im Kindergarten, werden Interessen bei den Kindern geweckt. Wir als Gymnasium haben uns schon immer für gemeinsame Projekte mit den vierten Klassen geöffnet. Die Impulse müssen aber mehr an die noch jüngeren Kinder gehen.

Physik, Chemie und Co. sind bei vielen, auch Älteren, eher als Horror-Fächer verschrien. Warum glauben Sie, dass das ausgerechnet in Lennep anders sein wird?

Lippert: Weil wir in den Naturwissenschaften erkannt haben, dass wir den Fokus mehr darauf richten müssen, den persönlichen Wert der Fächer für die Schüler herauszustellen. Wenn man sich mit Erwachsenen unterhält hört man immer wieder "Wir haben es so bereut, dass wir von diesen Zusammenhängen nicht verstanden haben". Auch als Nicht-Naturwissenschaftler begegnen einem Gesetze und Zusammenhänge aus diesem Bereich ja immer wieder. Wir haben deshalb die Unterrichtskonzepte immer weiter umgestellt. Es hat in den vergangenen Jahren einen deutlichen didaktischen Fortschritt gegeben. Wenn Schüler erkennen, welchen persönlichen Nutzen sie aus dem naturwissenschaftlichen Wissen ziehen, funktioniert es. Ein Beispiel dafür sind die Schüler-Arbeitsplätze im Röntgenmuseum. Dort wird Unterrichtsraum im Museum geschaffen.

Sie setzen schon in den Kindergärten mit der MINT-Förderung an. Das klingt, überspitzt ausgedrückt, ein bisschen nach chinesischem Bildungsdrill. Ist das nicht ein bisschen früh?

Lippert: Kinder sind die begeistertsten Forscher. Bei denjenigen, die später eine Aversion gegen Naturwissenschaften entwickeln, ist also etwas ganz Wichtiges verloren gegangen. An die Begeisterung, die ein Sechsjähriger für einen Regenwurm aufbringt - daran müssen wir anknüpfen. Erkenntnisse über Emotionen wecken.

Das Problem war zumindest früher häufig, dass nicht Pädagogen Naturwissenschaften unterrichten, sondern Wissenschaftler, für die der Lehrerberuf zweite Wahl war...

Lippert: Die wissenschaftlichen Kompetenzen sind natürlich nicht unwichtig geworden. Aber wir erleben seit jetzt 15 Jahren einen rasanten Wandel - nämlich dadurch, dass die Schulen ihre Lehrer selbst einstellen. Da geht es natürlich auch immer um die Frage, ob die Person geeignet ist. Was die Ausbildung angeht, sind die Zweifel nicht ganz ausgeräumt. Die Grundhaltung hat sich aber mit Sicherheit geändert. Das kann so weit führen, dass man eine Stelle vorerst gar nicht besetzt, weil einfach kein geeigneter Kandidat dabei ist.

Zurück zu MINTeinander: Was kann eine Kita ausgerechnet vom Gymnasium lernen?

Lippert: Kinder begeben sich auf einen langen Bildungsweg, der im Kindergarten angelegt wird. Da ist es wichtig, dass Erzieher wissen, wie es später weitergeht - wie also Grund- und weiterführende Schulen auf das aufbauen, was die Kita mit den Kindern erarbeitet. Dazu ist Kommunikation wichtig. Außerdem sind die Betreuer von naturwissenschaftlichen Projekten sehr froh, wenn ihnen Geräte und Materialien zur Verfügung stehen. Sie wissen, dass sie bei uns Unterstützung bekommen. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Kommunikation wie die gemeinsamen Kaffeetrinken. Da kommt man sehr ungezwungen ins Gespräch, Fragen kommen offen auf den Tisch. Sachkundelehrer in Grundschulen zum Beispiel müssen ja den ganzen Kanon abdecken - da ist es keine Schande, wenn man sich bei einem Thema nicht so sicher ist und froh ist über Unterstützung. Allein dieser Austausch bewirkt schon sehr viel.

Und umgekehrt - was können weiterführende Schulen von der Kita lernen?

Lippert: Sehr viel. Vor allem: Warum verlieren wir einige Kinder irgendwann für die MINT-Fächer? Wie und warum verlieren sie Lust und Motivation? Darauf können Erzieher, die den ganzen Tag mit den Kindern verbringen, viel bessere Antworten geben als Lehrer, die die Kinder nur wenige Stunden in der Woche sehen. Der Austausch ist für beide Seiten wichtig.

Jungs sind gut in Mathe, Mädchen in Bio: Bestätigen sich diese Vorurteile in der Praxis?

Lippert: Ich beobachte das so nicht. In Mathe-Wettbewerben haben doch eher die Mädchen die Nase vorn. Aber was sicher nach wie vor ein Punkt ist, sind fehlende Vorbilder. Wenn wir erfolgreiche Naturwissenschaftlerinnen vorstellen, die auch noch sieben Sprachen fließend sprechend, erscheint das den Mädchen unerreichbar. Es wäre viel wichtiger, dass in einer Soap-Serie mal eine Mutter aus der Werkstatt nach Hause kommt.

 

HINTERGRUND: PERSONEN UND PROJEKTE

MATTHIAS LIPPERT

Seit 2011 ist der Solinger Schulleiter des Lenneper Röntgen-Gymnasiums. Er selbst ist Mathe- und Physiklehrer.

MINTEINANDER

Als bundesweit größtes Netzwerk haben sich in Lennep 14 Kitas, Grund- und weiterführende Schulen zusammen getan, um gemeinsam MINT-Förderung zu betreiben. Dafür werden sie von der Telekom-Stiftung gefördert - mit Material und Fortbildungen. Ziel ist es, eine "Bildungsspirale" zu schaffen, bei der alle Stufen aufeinander aufbauen können.

NATURWISSENSCHAFTEN

In Lennep entstehen derzeit vielfältige Kooperationen durch die Nachbarschaft zum Röntgen-Museum. Dazu gehört auch das Schüler-Labor sowie wie der Schwerpunkt Medizinphysik am Rögy.

(Quelle: RGA-online vom 11.11.2013)